subject: Batmans Letztes Gefecht [print this page] Natrlich liegt nun ein Schatten ber diesem Film. Zwlf Menschen sind am Freitag gettet worden, whrend sie ihn sich ansahen, mehr als 50 wurden verletzt. Dass der Attentter in Aurora eine der ersten Auffhrungen von "The Dark Knight Rises" als Prospekt fr seinen grausamen Auftritt whlte, ist der irren Logik des Verbrechens geschuldet und nicht dem Inhalt von Christopher Nolans Batman-Trilogie. Der bewaffnete Mann versuchte die Dsternis der Leinwand-Erzhlung zu stehlen, um selbst zum Ereignis zu werden. Er wollte sich das Grauen borgen und seine eigene Wirkung vervielfachen: Dies ist die Kino-Produktion des Jahres, und also war ihm der Auftritt in den Nachrichtensendungen sicher das drfte der Kern des kriminellen und tdlichen Marketings gewesen sein.
Man sollte dem Mann, der fr unvorstellbares Leid verantwortlich ist, nicht den Triumph gnnen, seine Morde mit dem Handeln der Fantasie-Wesen im Film eng zu fhren. Wer in diesen Tagen ins Kino geht, darf trauern, und sicher wird er erschttert sein. Aber er sollte auf der Leinwand nicht nach Hinweisen und Spuren suchen weil das den Opfern und den Trauernden kaum gerecht wird: Aurora war ein Massenmord, fr den sich der Tter verantworten muss. Nicht der Film ist schuld, sondern der Mrder.
"The Dark Knight Rises" beschliet die Reihe von Batman-Filmen, die Christopher Nolan vor sieben Jahren begann. Der Film wirkt wie eine gewaltige Abrissbirne 160 Minuten Showdown. Das ist eine Produktion, die mit den Gesetzen des Superhelden-Genres bricht, indem sie Batman (Christian Bale) als ambivalente Figur prsentiert, die nicht mehr zur Identifikation taugt. Er tritt als abgewirtschaftete Persnlichkeit auf. berhaupt ist diese Trilogie eine Revolution im Blockbuster-Kino, weil sie die Bilder untertunnelt und derart mit Bedeutung aufldt, dass man sich stellenweise wie in einem Oberseminar zur Politischen Theorie vorkommt. Alles in Nolans Ideen-Kino hat einen doppelten Boden.
Der Zuschauer begegnet Batman beziehungsweise seinem Alter Ego, dem Milliardr Bruce Wayne acht Jahre, nachdem sich der Retter von Gotham City zur Ruhe gesetzt hat. Er geht am Stock, verschanzt sich im Ostflgel seines Anwesens. Die groe Stadt whnt sich im Frieden, doch dann taucht ein Mann auf, der den Warlords vom Balkan nachempfunden ist. Er trgt eine Maske, die sein entstelltes Gesicht verbirgt und seine Stimme wie ein kaputter Verstrker verzerrt. Sein Name ist Bane (Tom Hardy), er gaukelt dem Volk vor, er knne ihm helfen, sich gegen die Mchtigen zu erheben. Er predigt "Krieg den Palsten", aber seine Standgerichte und Exekutionen lassen ahnen, dass die Htten nicht verschont bleiben.
Nolan nimmt Bezug auf jeden Alptraum westlicher Zivilisation, er spannt den Bogen vom alten Rom bis ins New York der Occupy-Bewegung. Diese Batman-Lieferung zeigt eine Welt, die so unbersichtlich geworden ist, dass sich die Beteiligten danach sehnen, neu anzufangen.
Batman muss zurckkehren, aber das Bse ist mehrdimensional und unberechenbar, es will Zerstrung und Verheerung, und seine Gefolgschaft rekrutiert es aus Hochsicherheitstrakten und geschlossenen Anstalten. Wahn gebiert Terror, alles ist im Fluss, und so gibt es kein befriedigendes Duell zwischen zwei Gegnern. "The Dark Knight Rises" gleicht stattdessen einer Erkundungsfahrt in die verwundete Gegenwart, das ist Kino fr den Kopf, nicht fr den Bauch.
"Batman Begins" (2005) war das existenzielle Drama eines Mannes, der frh seine Eltern verlor und zum Kmpfer wurde. "The Dark Knight" (2008) war der Schaukampf zweier Prinzipien, zerebrales Flirren. Das Spiel von Heath Ledger in der Rolle des Joker kitzelte die Nerven. Die Fortsetzung ist nun Heavy-Metal-Bayreuth, der Bsewicht wirkt im Vergleich zum Joker behbig in seiner Wut. Er bricht Gegnern bezeichnenderweise das Rckgrat, er sprengt den Einwohnern Gothams den Boden unter den Fen weg, und die Geschichte kommt als ein aus Versatzstcken von historischen Revolutionsreden und Brsencrash-Rhetorik komponierter Post-9/11-Essay ber die Angst und den besten Weg zur Vernderung der Verhltnisse daher.
Christopher Nolan gehrt zu den besten Regisseuren Hollywoods, virtuos verknpft er alle Fden, die er in den Jahren zuvor ausgelegt hat. Sein Markenzeichen sind die Auffcherung der Handlung in zahlreiche Sub-Plots und die verblffende Auflsung aller Neben-Erzhlungen kurz vor Schluss. Dieses Prinzip verfeinert er; man staunt, dass nach fast drei Stunden alles Sinn ergibt. Und doch wirkt der neue Batman im Gegensatz zu den beiden Vorgngern berladen. Sein Ernst wird nie gebrochen, was ihn teils an den Rand der Albernheit fhrt: Wenn Bane mit Darth-Vader-Stimme ber Infrastruktur doziert oder Morgan Freeman sich eine neue Maschine zur Rettung der Welt ausdenkt und sagt "Ich brauche das IMP-Ablenksystem von The Bat", dann klingt das Drehbuch wie seine eigene Persiflage. Auerdem wird um 40 Prozent des Genusses betrogen, wer ohne Kenntnis von Teil eins und zwei ins Kino geht. Fr Heiterkeit im Sturm der fallenden Gebude, getroffenen Krper und Schuss-Salven aus Uzi und Panzerrohr sorgt allein Anne Hathaway als Catwoman. Sie und der junge Polizist Blake (Joseph Gordon-Levitt) tragen groe Teile der Handlung, denn auch das gehrt zu den Neuerungen Christopher Nolans: Der Superheld ist zumeist abwesend.
"The Dark Knight Rises" ist als Film fr sich genommen der schwchste der Reihe. Als Schlussakkord indes ist er ein Meisterwerk. Nolan nimmt Stellung, seine Arbeiten sind ja stets als Kommentare zur Wirklichkeit lesbar. Nolan befrwortet nicht Umsturz und Neubeginn, sondern die Befestigung der Welt. Der Rebell, der den Mythos vom Retter im Fledermaus-Kostm neu durchdachte, umschrieb und ein Genre vernderte, erweist sich als Romantiker und Moralist.
Am Ende lsst er eine Atombombe explodieren. In dem Moment ist die Leinwand so hell wie nie zuvor.