Board logo

subject: Sehsucht [print this page]


ber nur wenige Maler des 19ber nur wenige Maler des 19. Jahrhunderts wurde derart viel geforscht. Sein Werk ist bis in kleinste ikonologische Details untersucht, sein Leben anhand von Briefen, Selbst- und Fremdzeugnissen minuzis rekonstruiert und auf seine Relevanz zur Deutung seiner Bilder hin befragt: Caspar David Friedrich (1774-1840) war einer der Ersten, der sich nicht dank grozgiger Gnner ber Wasser halten oder als Akademiemaler verdingen musste, sondern sich auf dem freien Kunstmarkt mehr oder minder erfolgreich durchzusetzen vermochte.

Allein, schon zu Lebzeiten nicht unumstritten, wird dem wohl prominentesten Maler der Deutschen Romantik bis in die Gegenwart hinein zuweilen ein Hang zum Slichen, idyllisch Verklrten vorgehalten, ebenso sein Faible zur bermigen Verrtselung von Bildinhalten und ihrer nationalrevolutionren Botschaften. An seiner singulren Stellung als Landschaftsmaler indes gibt es lngst keinen Zweifel mehr. Dem genauen Hinsehen offenbart das visuell gekonnt arrangierte Naturschauspiel Friedrichs radikale Modernitt. Die kunstwissenschaftlichen Seminare kommen an ihm eben so wenig vorbei wie Museen und Galerien. Selbst die Nazis mochten sich an ihm schadlos halten, ldierten damit aber nicht, wie bei manch anderen, die sie fr ihre ideologischen Dienste einspannten, sein Renommee als Knstler.

Also noch ein Buch ber Caspar David Friedrich? Was Johannes Graves kleine, gut geschriebene wie gedachte Studie vom Mainstream kunstgeschichtlicher Forschung indes unterscheidet, ist ihre Fragestellung; mithin der Ansatz, der dessen uvre im Kontext hchst aktueller bildtheoretischer Diskurs zu lesen gibt. Die These dabei ist khn: Ausgerechnet im Medium der per definitionem illusionistisch ausgerichteten Landschaftsmalerei realisiert Friedrich eine desillusionierende Selbstreflexion des Bildes im Bild. Fr den glubigen Protestanten, der Schein, der Sinnen - und Augenlust schlechthin skeptisch gegenbersteht, wird gerade das Bild der Landschaft mit ihren berwltigenden visuellen Mitteln und Mglichkeiten zum herausragenden Ort, eine Bildkritik zu artikulieren, die so alt ist wie der Monotheismus selbst. Getragen vom alttestamentarischen Bilderverbot und inspiriert durch das Wort Jesu Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Joh. 20, 29), begegnet Friedrich der modernen Sehsucht gerade nicht mit Bildersturm und okularer Abstinenz. Das gewhnliche, auf Identifizierbarkeit eines gegebenen Bildinhalts kaprizierte Sehen wird durch ein Sehen konterkariert, das vom Dargestellten weg und hin zur Darstellung selbst geht, ohne das Dargestellte und damit die Bildlichkeit des Bildes platterdings auszulschen. In der Spannung zwischen beiden Formen des Sehens wird erfahrbar, dass jedes Bild den Betrachter immer mit zwei Dimensionen konfrontiert: mit dem Dargestellten und der bildlichen Darstellungsform. Dass das Bild etwas Bestimmtes zeigt, impliziert immer auch, dass sich das Bild selbst zeigen muss.

Aber wie? An ausgewhlten Beispielen unter anderem dem Tetschener Altar (1807/08), der Abtei im Eichwald (1809/10), der Kathedrale (1816/20) rekonstruiert der Autor den visuellen Widerstreit zwischen Darstellung und Dargestelltem, den Caspar David Friedrich in seinen Bildern auf subtile Weise entfesselt. In seinem Kommentar zu dessen womglich berhmtesten Gemlde Mnch am Meer (1808/10) zeigt Grave berzeugend, wie der Raumillusion des Bildes abstrakte, flchenorientierte Bildstrukturen entgegenwirken; wie das zentralperspektivische Arrangement durch anamorphotische Verzerrungen und berdehnungen unterlaufen und damit Standort wie Position des Betrachters verunklart wird. Der Mnch am Meer zieht den Blick geradezu magisch in die Ferne und verwehrt ihm zugleich den Zugang dazu. Mit anderen Worten: Caspar David Friedrich realisiert im Medium des Bildes das Bild als Medium und als Bild. Seine tief religise Bildkunst, das genau zeigt die vorliegende Studie in dankenswerter Klarheit, knpft an uralte theologische berlieferungen an und ist dabei von hoher Aktualitt.

by: aarenbrowns




welcome to loan (http://www.yloan.com/) Powered by Discuz! 5.5.0