subject: Turn! Turn! Turn! [print this page] Dass alles seine Zeit habe, und die Dinge sich oft berraschend ndern, wusste nicht nur der weise Knig Salomo, sondern auch Pete Seeger, der sich 1950 aus den alttestamentarischen Versen des Predigers sein Lied reimte,
das nicht nur weltberhmt werden sollte.
Klingt doch sein Turn! Turn! Turn! wie die prophetische Parole zum derzeitigen Zustand der Kultur- und Geisteswissenschaften, die vor lauter Wenden alsbald nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf eigentlich noch steht. Aus
Thomas S. Kuhns Paradigmenwechsel, Michel Foucaults Archologie der Diskurse oder Martin Heideggers berchtigter Kehre wurde ein pfiffiges Label, mit dem sich jeder mehr oder minder gescheite kulturwissenschaftliche
Forschungsansatz chic etikettieren, sprich: exzellenzverdchtig als Turn verkaufen lassen kann.
Da tut Orientierung not, der Aufweis belastbarer Kriterien, mit denen sich aus dem Wust forschungsstrategischer Innovationen tatschlich jene fundamentalen Einschnitte erkennen lassen, die eine Revolution unserer Denkungsart
(Kant) anzeigen; eine radikale Vernderung in der Art, wie wir Wirklichkeit und uns selbst berhaupt begreifen knnen. Emmanuel Alloa gebhrt das Verdienst, dies mit seiner Anthologie fr einen der interessantesten, strittigsten
und disparatesten Bereiche erschlossen zu haben. Und das am prominenten Fallbeispiel. Was also im Titel eher bescheiden daherkommt, die Bildtheorien aus Frankreich, exemplifiziert nicht nur, wie geisteswissenschaftliche
Forschung sich in Frankreich in den letzten rund hundert Jahren an Phnomen des Bildes neu versuchte. Denn die 1994 zeitgleich als iconic turn (Gottfried Boehm) oder pictorial turn (W. J. T. Mitchell) eingefhrte Bestimmung
drngt zunehmend darauf, das Bild nicht nur als Gegenstand, sondern als Medium des Denkens selbst zu realisieren. Nicht mehr nur ber, sondern in und durch Bilder zu denken, aber wird fr die Theorie und Praxis der
Wissenschaft und ihrer Darstellung, ja der Kultur als Ganzes unabsehbare Folgen zeitigen.
Dabei aber scheint ausgerechnet Frankreich im Gegensatz etwa zu Deutschland mit seiner reichen, bis ins 19. Jahrhundert zurckreichenden bildtheoretischen Tradition ein beraus unsicherer Kantonist zu sein. Martin Jay
brachte die These von der grundstzlichen Bild- und Visualittsfeindlichkeit des franzsischen Denkens in Umlauf. Was der Philosophiehistoriker aus Berkeley indes bersah, war eine Differenz, die Emmanuel Alloa anhand einer
Bemerkung von Maurice Merleau-Ponty einzieht und die mit einem Schlag das gesamte Terrain des philosophischen Ikonoklasmus la franaise in ein neues Licht taucht: Bildkritik ist zunchst Reprsentationskritik.
In exakt diesem Sinne entpuppt sich jene Kritik am Bild als Kritik an seiner Vorstellung als blo sekundrer Kopie einer Wirklichkeit, die schlielich durch ihr imaginres Double verdeckt zu werden droht. Erst die Demontage des
Bildes als schlichtes Abbild, Reproduktion und Reprsentation ffnet den Weg, das Bild wie eine Berhrungsflche zwischen Ich und Welt zu fassen. Die Faszinationskraft, die Bildern eignen kann, kommt von diesem rtselhaften
Vermgen her, das Kunst, Philosophie und alle daran angrenzenden Diskurse gleichermaen beunruhigt wie gefangen nimmt.
Auswahl, Arrangement und Komposition des Bandes verdanken sich also weniger einem theoriegeschichtlichen als einem ausgewiesen systematischen Interesse. Vorgestellt werden nicht nur 12 bislang unbersetzte oder nur
schwer zugngliche Primrtexte unter anderem von Henri Bergson ber Emmanuel Lvinas, Maurice Blanchot, Henri Maldiney, Gilles Deleuze bis zu Jacques Derrida, Louis Marin und Georges Didi-Huberman u.a. Vorgestellt wird
vor allem eine Denkkonstellation, die durch dieses Ensemble hindurchscheint: Zum Hhepunkt gereicht der Anthologie zweifellos der Abdruck von Jean-Franois Lyotards Veduta auf ein Fragment der Geschichte des Begehrens
aus seinem noch unbersetzten Frhwerk Discours, figure (1971), worin Lyotard in der Spannung zwischen Renaissance und Moderne die Idee einer Bildlichkeit vorzeichnet, deren Visualitt sich nicht plan in die Lesbarkeit eines